{"id":148402,"date":"2022-10-03T08:00:14","date_gmt":"2022-10-03T08:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/belux.edmo.eu\/?p=148402"},"modified":"2022-10-03T15:25:59","modified_gmt":"2022-10-03T15:25:59","slug":"vorsicht-vor-prorussischer-propaganda-auf-geflschten-nachrichten-seiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/belux.edmo.eu\/de\/vorsicht-vor-prorussischer-propaganda-auf-geflschten-nachrichten-seiten\/","title":{"rendered":"Vorsicht vor prorussischer Propaganda auf gef\u00e4lschten Nachrichten-Seiten"},"content":{"rendered":"<p><b>Mehrere Websites deutschsprachiger und internationaler Medien wurden im Zuge einer umfassenden Desinformationskampagne nachgeahmt. Die imitierten Seiten enthalten Falschmeldungen und prorussische Propaganda. Wer die nachgemachten Seiten betreibt, ist weiterhin unklar. Eine Beispiel-Behauptung \u00fcber einen angeblich aufgrund fehlender Beleuchtung verstorbenen Jungen zeigt, wie die Falschbehauptungen eingesetzt werden.<\/b><\/p>\n<p>Ein <a href=\"https:\/\/archive.ph\/65bWg\" shape=\"rect\">angeblicher &#8222;Bild&#8220;-Artikel<\/a> erschien am 11. August 2022 im Netz. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen authentischen Bericht des deutschen Blattes zu handeln, ein genauerer Blick auf die Domain und den Inhalt der Meldung lassen allerdings Zweifel aufkommen. Trotzdem wird der Artikel wenige Tage sp\u00e4ter auch auf <a href=\"https:\/\/archive.ph\/uDcke\" shape=\"rect\">Facebook<\/a> geteilt. Er ist Teil einer prorussischen Fake-News-Kampagne.<\/p>\n<div id=\"wysiwyg\" class=\"www-item image\"><img class=\"lazyload blur-up\" src=\"https:\/\/belux.edmo.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/6d34641cdd0aafee1dd9cb691077b759bbd0e194-ipad.jpg\" data-original=\"\" \/><span class=\"legend\">Facebook-Screenshot der Behauptung: 30.08.2022<\/span><\/div>\n<p>In dem vermeintlichen &#8222;Bild&#8220;-Artikel geht es um den Tod eines Jugendlichen in Berlin. Dieser habe angeblich einen t\u00f6dlichen Unfall erlitten, nachdem die Berliner Beh\u00f6rden beschlossen h\u00e4tten, nachts die Stra\u00dfenbeleuchtung auszuschalten. Der Jugendliche sei sp\u00e4tabends beim Radfahren in der Sulzfelder Stra\u00dfe in Berlin in ein Loch gest\u00fcrzt und an seinen Verletzungen verstorben,<\/p>\n<p>Artikel wie dieser erschienen auf mehreren gef\u00e4lschten Nachrichtenseiten in Deutschland, darunter auf imitierten Websites des &#8222;<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220727094124\/https:\/\/www-spiegel-de.spiegel.fun\/eine-schule-in-bremen-explodierte-weil-man-versuchte-gas-zu-sparen.html\" shape=\"rect\">Spiegels<\/a>&#8222;, von &#8222;<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220724210851\/https:\/\/www-t-online-de.tonline.cfd\/deutsche-lkw-fahrer-blockieren-straben.html\" shape=\"rect\">t-online<\/a>&#8220; oder auch der &#8222;<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220621134057\/https:\/\/www-bild-de.bild.pics\/politik\/ausland\/politik-ausland\/Ukrainische-Jungs-kehren-aus-Polen-an-die-Front-zuruck-Wer-ist-der-Nachste-14763503.auto-true.bildMobile.html\" shape=\"rect\">Bild<\/a>&#8222;. Zuerst <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_100042596\/ukraine-krieg-prorussische-kampagne-das-steckt-hinter-den-fake-artikeln.html\" shape=\"rect\">berichtete &#8222;t-online&#8220;<\/a> Ende August von der Kampagne. Die Nachricht ist allerdings komplett erfunden.<\/p>\n<p><b>Der &#8222;Bild&#8220;-Bericht ist gef\u00e4lscht<\/b><\/p>\n<p>Eine AFP-Anfrage bei den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden entkr\u00e4ftete die in dem Artikel beschriebenen Geschehnisse allerdings. Eine Sprecherin der Berliner Polizei erkl\u00e4rte am 30. August, es habe keinen t\u00f6dlichen Verkehrsunfall in der Sulzfelder Stra\u00dfe gegeben. &#8222;In Berlin ist in diesem Jahr bisher kein Jugendlicher bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00f6ffentliche Stra\u00dfenbeleuchtung ist in Berlin die <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sen\/uvk\/verkehr\/infrastruktur\/oeffentliche-beleuchtung\/\" shape=\"rect\">Senatsverwaltung f\u00fcr Umwelt, Mobilit\u00e4t, Verbraucher- und Klimaschutz<\/a> verantwortlich. Ein Sprecher der Beh\u00f6rde erkl\u00e4rte am 1. September gegen\u00fcber AFP, dass der Bericht &#8222;definitiv eine Falschmeldung&#8220; sei. Die Senatsverwaltung habe die Stra\u00dfenbeleuchtung nachts nicht abgestellt. &#8222;Die Verkehrssicherheit durch Stra\u00dfenbeleuchtung ist im <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/ba-mitte\/politik-und-verwaltung\/aemter\/strassen-und-gruenflaechenamt\/strassenverwaltung\/berliner_strassengesetz.pdf\" shape=\"rect\">Berliner Stra\u00dfengesetz<\/a> geregelt und wird streng beachtet.&#8220; Die Beleuchtung bleibe daher unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Auf AFP-Anfrage erkl\u00e4rte ein Sprecher der &#8222;Bild&#8220;-Zeitung am 30. August 2022, es handele sich bei dem Beitrag um einen Fake. &#8222;Das kommt nach unserer Kenntnis leider regelm\u00e4\u00dfig vor.&#8220; Die Urheber solcher Beitr\u00e4ge w\u00fcrden sich aber fast nie feststellen lassen.<\/p>\n<p>Die Website mit dem vermeintlichen &#8222;Bild&#8220;-Beitrag erscheint zwar auf den ersten Blick als gut gemachte F\u00e4lschung der originalen &#8222;Bild&#8220;-Seite. Aber bereits beim Blick auf die Internetadresse f\u00e4llt auf, dass es sich um einen Fake handeln k\u00f6nnte. Die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung verwendet &#8222;<a href=\"https:\/\/perma.cc\/3F9M-JWXB\" shape=\"rect\">bild.de<\/a>&#8220; als Domainnamen auf ihrer Seite. In verschiedenen Versionen der gef\u00e4lschten Internetadresse werden hingegen die Domains &#8222;<a href=\"https:\/\/archive.ph\/uDcke\" shape=\"rect\">new.bild.llc<\/a>&#8220; und &#8222;<a href=\"https:\/\/archive.ph\/65bWg\" shape=\"rect\">bild.vip<\/a>&#8220; verwendet.<\/p>\n<p><b>Gef\u00e4lschte Nachrichtenseiten verbreiten prorussische Propaganda\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Ende August <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_100042596\/ukraine-krieg-prorussische-kampagne-das-steckt-hinter-den-fake-artikeln.html\" shape=\"rect\">berichtete das Nachrichtenportal &#8222;t-online&#8220;<\/a> von einer prorussischen Kampagne, mit der gef\u00e4lschte Versionen von deutschen und internationalen Nachrichtenseiten in Umlauf gebracht wurden. Diese w\u00fcrden wiederum von einer &#8222;Troll-Armee&#8220; im Netz verbreitet. Die vermeintlichen Meldungen w\u00fcrden h\u00e4ufig Angst sch\u00fcren und machten Stimmung gegen die gegen Russland verh\u00e4ngten Sanktionen. Kurz darauf <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_100045540\/verfassungsschutz-und-bnd-analysieren-prorussische-fake-kampagne.html\" shape=\"rect\">meldete &#8222;t-online<\/a>&#8222;, auch der Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst w\u00fcrden sich mit der Kampagne befassen.<\/p>\n<p>Die NGO &#8222;<a href=\"https:\/\/www.disinfo.eu\/\" shape=\"rect\">EU Disinfo Lab<\/a>&#8220; hat sich auf die Beobachtung Desinformationskampagnen spezialisiert. Sie hat sich das Netzwerk der falschen Nachrichtenseiten gemeinsam mit der NGO &#8222;<a href=\"https:\/\/www.qurium.org\/\" shape=\"rect\">Quirium<\/a>&#8220; genau angesehen. In einem am 27. September erschienenen <a href=\"https:\/\/www.disinfo.eu\/doppelganger\" shape=\"rect\">Bericht<\/a> h\u00e4lt das &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; die Ausma\u00dfe des Fake-Netzwerkes fest.<\/p>\n<p>Die von &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; als &#8222;Doppelg\u00e4nger&#8220; bezeichnete Kampagne umfasst mindestens 50 falsche Domains, die echte Nachrichtenseiten von mindestens 17 Medien kopierten und kopieren. Die Kampagne zeige eine &#8222;ausgekl\u00fcgelte und koh\u00e4rente Strategie&#8220;, echte Medien nachzuahmen, schreibt das &#8222;EU Disinfo Lab&#8220;. Betroffen seien nicht nur deutsche Medien, sondern auch Artikel auf Italienisch, Franz\u00f6sisch, Englisch, Lettisch, Ukrainisch und Russisch und Nachrichtenplattformen wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa oder der britische &#8222;Guardian&#8220;.<\/p>\n<p><b>Vorgehen des Fake-Netzwerkes<\/b><\/p>\n<p>Das Vorgehen ist immer \u00e4hnlich. Auf einer Website, dessen Domain der einer echten Nachrichtenseite \u00e4hnelt, ist eine gef\u00e4lschte Nachricht zu sehen. Sie ist eingebettet in das authentisch wirkende Layout der jeweiligen Nachrichtenseite. Links rund um die Falschnachricht f\u00fchren zur\u00fcck zur authentischen Nachrichtenseite des Mediums. Fake-Accounts des Netzwerks tragen die Behauptung dann weiter. Auch die Behauptung vom angeblich verstorbenen Jungen in Berlin wurde so verbreitet.<\/p>\n<p>Wer hinter der Kampagne steckt, l\u00e4sst sich nicht genau sagen. Die Analyse von &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; h\u00e4lt fest: &#8222;Unsere Untersuchung f\u00fchrt nicht zu einer formalen Zuordnung zu einem bestimmten Akteur. Viele Elemente deuten jedoch auf eine Beteiligung von in Russland ans\u00e4ssigen Akteuren hin.&#8220; Einige der Domains seien \u00fcber den russischen Hostinganbieter Nic.Ru gekauft worden, au\u00dferdem seien manche Videos von Computern mit russischsprachigen Einstellungen produziert worden. Die eingestellte Zeitzone von GMT+8 eines der benutzten Computer deute darauf hin, dass die Fake-Inhalte in der Region von Irkutsk produziert sein k\u00f6nnten. Einige Inhalte entspr\u00e4chen laut &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; au\u00dferdem genau jenen der russischen Nachrichtenseite &#8222;RNN World&#8220;.<\/p>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/\" shape=\"rect\">Institute for Strategic Dialogue<\/a> (ISD) trug zur Recherche von &#8222;t-online&#8220; bei und befasst sich mit der <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/about\/\" shape=\"rect\">Verbreitung von Desinformation und Extremismus<\/a>.ISD-Analystin <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/isd_team\/julia-smirnova\/\" shape=\"rect\">Julia Smirnova<\/a> beschreibt die Hintergr\u00fcnde der Kampagne \u00e4hnlich. <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/isd_team\/julia-smirnova\/\" shape=\"rect\">Smirnova<\/a> sprach am 1. September 2022 mit AFP \u00fcber die Recherche und erkl\u00e4rte, Indizien w\u00fcrden daf\u00fcr sprechen, dass es sich um eine Kampagne &#8222;Kreml-freundlicher&#8220; Akteure aus Russland handele. Der Ursprung lasse sich allerdings nicht genau zuordnen.<\/p>\n<p>Hinweise daf\u00fcr w\u00fcrden sich in den Artikeln wiederfinden. Diese beschrieben die negativen Auswirkungen der Sanktionen f\u00fcr den Westen oder hetzten gegen Gefl\u00fcchtete, so Smirnova. Auch sprachliche Fehler auf den Websites w\u00fcrden darauf hindeuten, dass keine Muttersprachlerinnen und -sprachler an den Texten gearbeitet h\u00e4tten. Das &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; stellte \u00e4hnliche Erz\u00e4hlmuster fest. Die Inhalte der geklonten Seiten w\u00fcrden sich mit russischer Propaganda decken und beispielsweise Ukrainerinnen und Ukrainer als Nazis darstellen oder die Vorteile des Endes russischer Sanktionen hervorheben.<\/p>\n<p>Facebook <a href=\"https:\/\/www.nau.ch\/news\/digital\/facebook-hebt-desinformations-netzwerk-zu-ukraine-krieg-aus-66288803\" shape=\"rect\">reagierte<\/a> am 27. September auf die Kampagne. Der Mutterkonzern Meta stellte am Dienstag einen <a href=\"https:\/\/about.fb.com\/news\/2022\/09\/removing-coordinated-inauthentic-behavior-from-china-and-russia\/\" shape=\"rect\">Bericht<\/a> vor, in dem die Kampagne als &#8222;gr\u00f6\u00dfte und komplexeste russischst\u00e4mmige Operation&#8220; bezeichnet wird, die seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine ausgehoben worden sei. &#8222;Es war eine ungew\u00f6hnliche Kombination aus Raffinesse und roher Gewalt.&#8220;<\/p>\n<p>Wie erfolgreich die Kampagne war, sei nur schwer messbar, erkl\u00e4rte Smirnova am 27. September. Zumindest Werbeanzeigen auf Facebook f\u00fcr die Fake-Artikel h\u00e4tten mehrere Millionen Menschen gesehen. Mehrere Anzeigen h\u00e4tten in Frankreich sogar jeweils 500.000 bis 600.000 <a href=\"https:\/\/www.seo-kueche.de\/lexikon\/impressionen\/\" shape=\"rect\">Impressions<\/a> erreicht, sie wurden Nutzerinnen und Nutzern online also \u00fcber eine Million mal angezeigt. Es gebe aber auch F\u00e4lle, bei denen die Artikel nicht nur von Fakeprofilen geteilt wurden, sondern auch echte User die Inhalte verbreiteten, wie beispielsweise ein <a href=\"https:\/\/archive.ph\/vl6GQ\" shape=\"rect\">Lokalpolitiker der AfD<\/a> aus Hessen. Oft scheint die M\u00fche der Kampagne aber auch zu verpuffen. Das &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; schreibt: &#8222;Wir hatten M\u00fche, nennenswerte Auswirkungen dieser kostspieligen Kampagne zu finden. Erhaltene Interaktionen scheinen sehr gering oder k\u00fcnstlich zu sein.&#8220; Die Kampagne sei zwar raffiniert, wenn sie niemand sehe, sei sie aber ein &#8222;Fehlschlag&#8220;. Ob das so bleibt, ist offen. Das &#8222;EU Disinfo Lab&#8220; pocht angesichts gebrochener EU-Gesetze, Datenschutzbestimmungen, der Verwendung von EU-basierten Servern und Software auf <a href=\"https:\/\/www.disinfo.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Doppelganger-1.pdf#page=20\" shape=\"rect\">Ver\u00e4nderungen<\/a> in der Durchsetzung.<\/p>\n<p><strong>Fazit: <\/strong>Ein Netzwerk von prorussischen Fake-Accounts verbreitet Inhalte aufwendig gef\u00e4lschter Nachrichtenseiten. Sie imitieren die Websites echter Nachrichtenmedien und zeigen dort Falschinformationen an, die meist prorussische Erz\u00e4hlungen bedienen. Ein solcher Artikel \u00fcber einen angeblich in Berlin wegen fehlender Stra\u00dfenbeleuchtung verstorbenen Jungen ist frei erfunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein angeblicher &#8222;Bild&#8220;-Artikel erschien am 11. August 2022 im Netz. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen authentischen Bericht des deutschen Blattes zu handeln, ein genauerer Blick auf die Domain und den Inhalt der Meldung lassen allerdings Zweifel aufkommen. Trotzdem wird der Artikel wenige Tage sp\u00e4ter auch auf Facebook geteilt. 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